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| Sprache | Datei | Version | Band | Titel | DOI + Link |
|---|---|---|---|---|---|
| đ©đȘ | WAT-250D | 2.0 | 14 | EMDR bei struktureller Dissoziation Typ 2 â Indikation, Modifikationen und Grenzen | Š |
Dokumentdetails: đ©đȘ WAT-250D
Version: 2.0 (Datum: 2026-06-16)
YAML-Daten von WAT-250D
| SchlĂŒssel | Wert |
|---|---|
| wa_id | WAT-250D |
| wb_band | WB_11D |
| title | WAT-250D: EMDR bei struktureller Dissoziation Typ 2 â Indikation, Modifikationen und Grenzen |
| subtitle | WA-Korpus - Band WB_11D đ https://doi.org/10.17605/OSF.IO/42UQH |
| author | Thor Alexander (ORCID: 0009-0007-8347-0962, đ https://osf.io/snmx5/) |
| version | Version 4.0 vom 2026-06-16 |
| footline | WAT-250D: EMDR bei Typ 2 (V4.0) |
| abstract | Dieses Dokument untersucht die Indikation, Modifikationen und Grenzen des EMDR-Standardverfahrens bei der strukturellen Dissoziation Typ 2 (invertierte Hierarchie). Es grenzt Typ 2 von jenen dissoziativen Konfigurationen ab, fĂŒr die EMDR in der Literatur diskutiert wird (sekundĂ€re und tertiĂ€re strukturelle Dissoziation, dissoziativer Subtyp der PTBS). Die Recherche in elf SprachrĂ€umen zeigt, dass die EMDR-Literatur zur strukturellen Dissoziation sich auf Typ 1 konzentriert; fĂŒr die invertierte Hierarchie des Typ 2 existieren keine spezifischen Studien oder Fallberichte. Das Dokument argumentiert, dass EMDR in der akuten Phase bei Typ 2 kontraindiziert ist, da das primĂ€re Bewusstsein (Yenifer) nicht zugĂ€nglich ist und das sekundĂ€re Bewusstsein (Yenny) keine Therapiekooperation ermöglicht. Die Leuchtturm-Phase 0 (WAT-030, WAT-040) wird als zwingende Voraussetzung fĂŒr die spĂ€tere, spekulative Anwendung von EMDR diskutiert. |
| abstract_en | This document examines the indication, modifications, and limitations of standard EMDR in structural dissociation type 2 (inverted hierarchy). It distinguishes type 2 from those dissociative configurations for which EMDR is discussed in the literature (secondary and tertiary structural dissociation, dissociative subtype of PTSD). Research across eleven language regions shows that the EMDR literature on structural dissociation focuses on type 1; no specific studies or case reports exist for the inverted hierarchy of type 2. The document argues that EMDR is contraindicated in the acute phase of type 2 because the primary consciousness (Yenifer) is inaccessible and the secondary consciousness (Yenny) does not enable therapeutic cooperation. The Lighthouse Phase 0 (WAT-030, WAT-040) is discussed as a prerequisite for any later, speculative application of EMDR. |
| keywords | Strukturelle Dissoziation, Typ 2, EMDR, Eye Movement Desensitization and Reprocessing, AIP-Modell, dissoziativer Subtyp, d-PTSD, strukturelle Dissoziation Typ 1, sekundÀre Dissoziation, tertiÀre Dissoziation, DIS, CIPOS, Dissociative Table, IFS-EMDR, Kontraindikation, Leuchtturm-Strategie, Phase 0, Traumafolgestörung, Yenifer, Yenny, WA-Korpus, K-PTBS, WAT-250 |
| volumes | WA-Korpus zur Strukturellen Dissoziation Typ 2 - Integrative Einzelfallanalyse Yenifer/Yenny: đ https://doi.org/10.17605/OSF.IO/DC9EZ âą Deutsch/Original - WB_01D: đ https://doi.org/10.17605/OSF.IO/42UQH âą English - WB_01E: đ https://doi.org/10.17605/OSF.IO/B3D5R âą Español/Latino - WB_01L: âą Đ ŃŃŃĐșĐžĐč - WB_01R: |
Kapitel 1 von WAT-250D
## 1. Einleitung: EMDR bei struktureller Dissoziation Typ 2 â Fragestellung, Grundlagen und begriffliche Abgrenzung
### 1.1 EMDR als etablierte PTBS-Therapie und die Herausforderung dissoziativer Störungen
Das Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) wurde von Francine Shapiro als strukturierte Behandlungsmethode fĂŒr die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt. EMDR basiert auf dem Adaptiven Informationsverarbeitungsmodell (*Adaptive Information Processing*, AIP), das davon ausgeht, dass psychopathologische Symptome auf dysfunktional gespeicherte traumatische Erinnerungen zurĂŒckzufĂŒhren sind, die durch bilaterale Stimulation (BLS) in adaptive GedĂ€chtnisnetzwerke integriert werden können. Das EMDR-Standardprotokoll umfasst acht Phasen (History Taking, Preparation, Assessment, Desensitization, Installation, Body Scan, Closure, Reevaluation), die bei der Behandlung einfacher PTBS als gut evidenziert gelten.
EMDR wird zunehmend auch bei komplexen und schweren Traumafolgestörungen eingesetzt. Studien zeigen, dass EMDR bei Patientinnen mit komplexen dissoziativen Störungen wie der Dissoziativen IdentitÀtsstörung (DID) oder der sonstigen spezifischen dissoziativen Störung (OSDD) angewendet wird, jedoch erhebliche Modifikationen des Standardprotokolls erfordert. Die Forschung der letzten Jahre hat zunehmend die Integration von EMDR mit der Theorie der strukturellen Dissoziation (TSDP) vorangetrieben. Die phasenorientierte Behandlung umfasst dabei eine verlÀngerte Stabilisierungsphase, in der EMDR-Techniken wie die Fraser's Dissociative Table Technique oder die CIPOS-Methode zur Anwendung kommen.
Gleichzeitig weisen klinische LeitfĂ€den und Expertenmeinungen darauf hin, dass EMDR bei schweren dissoziativen Störungen mit besonderer Vorsicht eingesetzt werden muss. Kathleen Phelps (2025) betont sinngemĂ€Ă:
> *âIn my clinical experience, clients with severe dissociative identity disorder (DID) or other complex dissociative conditions require careful consideration before beginning EMDR. Over my 25 years of practice, Iâve learned that the bilateral stimulation can sometimes trigger dissociative episodes or increase dissociative symptoms.â*
>
> Deutsche Ăbersetzung:
> *âNach meiner klinischen Erfahrung erfordern Klienten mit schwerer dissoziativer IdentitĂ€tsstörung (DID) oder anderen komplexen dissoziativen Erkrankungen eine sorgfĂ€ltige AbwĂ€gung, bevor mit EMDR begonnen wird. In meinen 25 Jahren Praxis habe ich gelernt, dass die bilaterale Stimulation manchmal dissoziative Episoden auslösen oder dissoziative Symptome verstĂ€rken kann.â*
Die fachliche Diskussion besteht darin, dass EMDR einerseits als potenziell hilfreiche Methode fĂŒr traumatisierte Patientinnen mit Dissoziation angesehen wird, andererseits die Gefahr von Destabilisierung, unkontrollierten EP-Intrusionen und *âbrutal lifts of amnesiaâ* klar benannt wird. Der EMDRIA-Onlinekurs (2025) beschreibt den integrativen Ansatz:
> *âThis online course teaches clinicians how to adapt EMDR for clients with chronic trauma and dissociation using interpersonal neurobiology, neurogenesis, and parts work. Participants will learn to assess for dissociation, apply phase-based strategies, manage blocked processing, and use titration tools like CIPOS, while emphasizing co-regulation, therapist presence, and ethical self-care.â*
>
> Deutsche Ăbersetzung:
> *âDieser Online-Kurs lehrt Kliniker, wie sie EMDR fĂŒr Klienten mit chronischem Trauma und Dissoziation anpassen können, indem sie interpersonelle Neurobiologie, Neurogenese und Arbeit mit inneren Anteilen nutzen. Die Teilnehmer lernen, Dissoziation zu erfassen, phasenbasierte Strategien anzuwenden, blockierte Verarbeitung zu behandeln und Titrationswerkzeuge wie CIPOS zu nutzen, wobei Co-Regulation, therapeutische PrĂ€senz und ethische SelbstfĂŒrsorge betont werden.â*
### 1.2 Begriffliche Abgrenzung: Strukturelle Dissoziation Typ 1 (Koexistenz) vs. Typ 2 (Substitution)
In der EMDR-Literatur wird der Begriff âstrukturelle Dissoziationâ meist unspezifisch verwendet. Die Theorie der strukturellen Dissoziation (van der Hart, Nijenhuis & Steele, 2006) unterscheidet zwischen drei KomplexitĂ€tsgraden, die in diesem Dokument als Typ 1aâ1c bezeichnet werden:
Tabelle 1: Typ 1 der strukturellen Dissoziation in der TSDP
| Typ | Bezeichnung | Struktur | Klinisches Beispiel |
|---|---|---|---|
| Typ 1a | PrimÀre strukturelle Dissoziation | Ein ANP, ein EP | Einfache PTBS |
| Typ 1b | SekundÀre strukturelle Dissoziation | Ein ANP, mehrere EP | Komplexe PTBS, Borderline-Persönlichkeitsstörung |
| Typ 1c | TertiÀre strukturelle Dissoziation | Mehrere ANP, mehrere EP | Dissoziative IdentitÀtsstörung (DID) |
Charakteristika von Typ 1 (Koexistenz):
- ANP (anscheinend normaler Persönlichkeitsanteil): alltagsbewÀltigend, zugÀnglich, therapiefÀhig
- EP(s) (emotionaler Persönlichkeitsanteil): trÀgt traumatische Affekte und Erinnerungen, kann intrusiv in Erscheinung treten
- Strukturprinzip: Koexistenz â ANP und EP existieren nebeneinander, wechseln sich in der Exekutive ab
- Amnesie: typischerweise reziprok oder einseitig (ANP erinnert sich nicht an EP)
- Therapeutische Blockade: ANP ist prinzipiell erreichbar und kann eine therapeutische Allianz eingehen
DemgegenĂŒber steht die Konfiguration des Typ 2, die in der klassischen TSDP nicht beschrieben ist:
Tabelle 2: Typ 2 der strukturellen Dissoziation im Vergleich zu Typ 1
| Merkmal | Typ 1 (Koexistenz) | Typ 2 (Substitution) |
|---|---|---|
| PrimĂ€res Bewusstsein | Erhalten, zugĂ€nglich, exekutiv | VollstĂ€ndig unterdrĂŒckt, nicht zugĂ€nglich |
| SekundĂ€res Bewusstsein | Tritt intrusiv auf (EP), kein eigenes SelbstgefĂŒhl | Hat die alleinige, dauerhafte Exekutive |
| Exekutive Kontrolle | Wechselnd oder dominant, aber Koexistenz bleibt | Konstant, kein Wechsel |
| Strukturprinzip | Koexistenz mehrerer ANP/EP | Substitution (ein sekundÀres Bewusstsein ersetzt das primÀre) |
Im Fall Yenifer/Yenny, der im WA-Korpus dokumentiert ist, wurde diese Konfiguration erstmals beschrieben (vgl. WAA-010, WAS-20). Yenifer (primĂ€res Bewusstsein) ist vollstĂ€ndig unterdrĂŒckt; Yenny (sekundĂ€res Bewusstsein) hat die alleinige, dauerhafte exekutive Kontrolle ĂŒbernommen.
### 1.3 Die Relevanz des Themas und offene Forschungsfragen
Die Frage nach der Anwendbarkeit von EMDR bei Typ 2 ist klinisch relevant, da Patientinnen mit dieser Konfiguration aufgrund der hochfunktionalen Fassade des sekundÀren Bewusstseins (Yenny) oft nicht als schwer dissoziativ erkannt werden. Die Forschungslage ist gekennzeichnet durch drei Problemkreise:
Erstens: Fokussierung der EMDR-Literatur auf Typ 1.
Die aktuellen Publikationen, die EMDR mit struktureller Dissoziation verbinden, konzentrieren sich auf Typ 1 (primĂ€re, sekundĂ€re, tertiĂ€re Dissoziation). Exemplarisch sei die Dissertation von Jenny Ann Rydberg (2025) genannt, die eine epistemologische Kritik der Psychotraumatologie durch die Brille von EMDR und struktureller Dissoziation unternimmt. Auch der Vorschlag, EMDR mit dem IFS-Modell zu integrieren (Rothwell-Blake et al., 2025), zielt auf die Koexistenz mehrerer Anteile ab und beschreibt explizit die âco-existence of dissociative and IFS partsâ sowie ein phasenorientiertes Protokoll mit Stabilisierung, Traumaverarbeitung und Reintegration. Die Arbeit von Zimmermann (2025) betont die Kombination von EMDR mit der TSDP fĂŒr schwere TraumafĂ€lle im Kontext der dissoziativen IdentitĂ€tsstörung. Die invertierte Hierarchie des Typ 2 wird in diesen Arbeiten nicht adressiert.
Zweitens: EvidenzlĂŒcke fĂŒr den dissoziativen Subtyp der PTBS.
Metaanalysen zeigen eine heterogene Evidenzlage fĂŒr die Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren beim dissoziativen Subtyp der PTBS (d-PTSD). Eine aktuelle Leitlinie (Schaug et al., 2025, S. 12) kommt zu dem Schluss, dass die Evidenzlage fĂŒr Psychotherapien bei PTBS mit komorbider dissoziativer Störung sehr niedrig ist:
> *âNo statistically significant differences were found among psychotherapies for PTSD with co-occurring dissociation.â*
>
> Deutsche Ăbersetzung:
> *âEs wurden keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Psychotherapien fĂŒr PTBS mit begleitender Dissoziation gefunden.â
Die Autoren ergĂ€nzen (ebd., ebenfalls sinngemĂ€Ă):
> *âDue to the low number of trials identified and the very low certainty of the evidence, the guideline panel provided recommendations that the included treatments should first and foremost be used in a research setting.â*
>
> Deutsche Ăbersetzung:
> *âAufgrund der geringen Anzahl identifizierter Studien und der sehr niedrigen Evidenzsicherheit empfiehlt das Leitliniengremium, die eingeschlossenen Behandlungen vorrangig in einem Forschungskontext einzusetzen.â
Die Ăbertragbarkeit dieser (ohnehin schwachen) Befunde auf Typ 2 ist nicht zulĂ€ssig.
Drittens: Fehlen spezifischer Studien fĂŒr Typ 2.
Die Recherche in elf SprachrĂ€umen (Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch, Italienisch, TĂŒrkisch, Russisch, Japanisch, Koreanisch, Chinesisch) ergibt, dass die Forschung zu EMDR bei struktureller Dissoziation sich ĂŒberwiegend auf Typ 1 (primĂ€re, sekundĂ€re, tertiĂ€re Dissoziation) konzentriert. FĂŒr die invertierte Hierarchie des Typ 2 existieren keine spezifischen EMDR-Studien oder Fallberichte. Diese LĂŒcke wird in der Literatur nicht adressiert.
### 1.4 Zielsetzung und Leitfragen
Dieses Dokument verfolgt folgende Ziele:
1. Begriffliche KlĂ€rung: Systematische Abgrenzung des Typ 2 der strukturellen Dissoziation (invertierte Hierarchie, Substitution) von den Konfigurationen, fĂŒr die EMDR in der Literatur diskutiert wird (Typ 1aâ1c, dissoziativer Subtyp der PTBS).
2. Darstellung der EMDR-Grundlagen: Knappe Darstellung des AIP-Modells, des 8-Phasen-Protokolls und der standardmĂ€Ăigen Anwendung bei PTBS als Referenzrahmen.
3. LiteraturĂŒberblick zu EMDR bei struktureller Dissoziation: Zusammenfassung der aktuellen Forschung zu EMDR bei sekundĂ€rer und tertiĂ€rer struktureller Dissoziation sowie beim dissoziativen Subtyp der PTBS.
4. Analyse der Kontraindikationen bei Typ 2: Untersuchung, warum EMDR in der akuten Phase bei Typ 2 kontraindiziert ist (fehlende ZugÀnglichkeit des primÀren Bewusstseins, Therapieverweigerung des sekundÀren Bewusstseins, fixe Idee A12).
5. Spekulative Perspektive nach Phase 0: Diskussion der hypothetischen Möglichkeit, EMDR nach erfolgreicher Leuchtturm-Phase 0 (Heilungsphasen H5âH7 gemÀà WAT-040) einzusetzen, einschlieĂlich der erforderlichen Modifikationen.
Leitfragen des Dokuments:
- Kann EMDR bei Typ 2 der strukturellen Dissoziation eingesetzt werden â und wenn ja, unter welchen Bedingungen?
- Welche Modifikationen des EMDR-Protokolls sind bei komplexen dissoziativen Störungen (Typ 1) etabliert, und warum sind diese bei Typ 2 nicht anwendbar?
- Ist die Leuchtturm-Phase 0 (WAT-030, WAT-040) eine zwingende Voraussetzung, bevor EMDR bei Typ 2 ĂŒberhaupt denkbar wird?
---
### 1.1 EMDR als etablierte PTBS-Therapie und die Herausforderung dissoziativer Störungen
Das Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) wurde von Francine Shapiro als strukturierte Behandlungsmethode fĂŒr die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt. EMDR basiert auf dem Adaptiven Informationsverarbeitungsmodell (*Adaptive Information Processing*, AIP), das davon ausgeht, dass psychopathologische Symptome auf dysfunktional gespeicherte traumatische Erinnerungen zurĂŒckzufĂŒhren sind, die durch bilaterale Stimulation (BLS) in adaptive GedĂ€chtnisnetzwerke integriert werden können. Das EMDR-Standardprotokoll umfasst acht Phasen (History Taking, Preparation, Assessment, Desensitization, Installation, Body Scan, Closure, Reevaluation), die bei der Behandlung einfacher PTBS als gut evidenziert gelten.
EMDR wird zunehmend auch bei komplexen und schweren Traumafolgestörungen eingesetzt. Studien zeigen, dass EMDR bei Patientinnen mit komplexen dissoziativen Störungen wie der Dissoziativen IdentitÀtsstörung (DID) oder der sonstigen spezifischen dissoziativen Störung (OSDD) angewendet wird, jedoch erhebliche Modifikationen des Standardprotokolls erfordert. Die Forschung der letzten Jahre hat zunehmend die Integration von EMDR mit der Theorie der strukturellen Dissoziation (TSDP) vorangetrieben. Die phasenorientierte Behandlung umfasst dabei eine verlÀngerte Stabilisierungsphase, in der EMDR-Techniken wie die Fraser's Dissociative Table Technique oder die CIPOS-Methode zur Anwendung kommen.
Gleichzeitig weisen klinische LeitfĂ€den und Expertenmeinungen darauf hin, dass EMDR bei schweren dissoziativen Störungen mit besonderer Vorsicht eingesetzt werden muss. Kathleen Phelps (2025) betont sinngemĂ€Ă:
> *âIn my clinical experience, clients with severe dissociative identity disorder (DID) or other complex dissociative conditions require careful consideration before beginning EMDR. Over my 25 years of practice, Iâve learned that the bilateral stimulation can sometimes trigger dissociative episodes or increase dissociative symptoms.â*
>
> Deutsche Ăbersetzung:
> *âNach meiner klinischen Erfahrung erfordern Klienten mit schwerer dissoziativer IdentitĂ€tsstörung (DID) oder anderen komplexen dissoziativen Erkrankungen eine sorgfĂ€ltige AbwĂ€gung, bevor mit EMDR begonnen wird. In meinen 25 Jahren Praxis habe ich gelernt, dass die bilaterale Stimulation manchmal dissoziative Episoden auslösen oder dissoziative Symptome verstĂ€rken kann.â*
Die fachliche Diskussion besteht darin, dass EMDR einerseits als potenziell hilfreiche Methode fĂŒr traumatisierte Patientinnen mit Dissoziation angesehen wird, andererseits die Gefahr von Destabilisierung, unkontrollierten EP-Intrusionen und *âbrutal lifts of amnesiaâ* klar benannt wird. Der EMDRIA-Onlinekurs (2025) beschreibt den integrativen Ansatz:
> *âThis online course teaches clinicians how to adapt EMDR for clients with chronic trauma and dissociation using interpersonal neurobiology, neurogenesis, and parts work. Participants will learn to assess for dissociation, apply phase-based strategies, manage blocked processing, and use titration tools like CIPOS, while emphasizing co-regulation, therapist presence, and ethical self-care.â*
>
> Deutsche Ăbersetzung:
> *âDieser Online-Kurs lehrt Kliniker, wie sie EMDR fĂŒr Klienten mit chronischem Trauma und Dissoziation anpassen können, indem sie interpersonelle Neurobiologie, Neurogenese und Arbeit mit inneren Anteilen nutzen. Die Teilnehmer lernen, Dissoziation zu erfassen, phasenbasierte Strategien anzuwenden, blockierte Verarbeitung zu behandeln und Titrationswerkzeuge wie CIPOS zu nutzen, wobei Co-Regulation, therapeutische PrĂ€senz und ethische SelbstfĂŒrsorge betont werden.â*
### 1.2 Begriffliche Abgrenzung: Strukturelle Dissoziation Typ 1 (Koexistenz) vs. Typ 2 (Substitution)
In der EMDR-Literatur wird der Begriff âstrukturelle Dissoziationâ meist unspezifisch verwendet. Die Theorie der strukturellen Dissoziation (van der Hart, Nijenhuis & Steele, 2006) unterscheidet zwischen drei KomplexitĂ€tsgraden, die in diesem Dokument als Typ 1aâ1c bezeichnet werden:
Tabelle 1: Typ 1 der strukturellen Dissoziation in der TSDP
| Typ | Bezeichnung | Struktur | Klinisches Beispiel |
|---|---|---|---|
| Typ 1a | PrimÀre strukturelle Dissoziation | Ein ANP, ein EP | Einfache PTBS |
| Typ 1b | SekundÀre strukturelle Dissoziation | Ein ANP, mehrere EP | Komplexe PTBS, Borderline-Persönlichkeitsstörung |
| Typ 1c | TertiÀre strukturelle Dissoziation | Mehrere ANP, mehrere EP | Dissoziative IdentitÀtsstörung (DID) |
Charakteristika von Typ 1 (Koexistenz):
- ANP (anscheinend normaler Persönlichkeitsanteil): alltagsbewÀltigend, zugÀnglich, therapiefÀhig
- EP(s) (emotionaler Persönlichkeitsanteil): trÀgt traumatische Affekte und Erinnerungen, kann intrusiv in Erscheinung treten
- Strukturprinzip: Koexistenz â ANP und EP existieren nebeneinander, wechseln sich in der Exekutive ab
- Amnesie: typischerweise reziprok oder einseitig (ANP erinnert sich nicht an EP)
- Therapeutische Blockade: ANP ist prinzipiell erreichbar und kann eine therapeutische Allianz eingehen
DemgegenĂŒber steht die Konfiguration des Typ 2, die in der klassischen TSDP nicht beschrieben ist:
Tabelle 2: Typ 2 der strukturellen Dissoziation im Vergleich zu Typ 1
| Merkmal | Typ 1 (Koexistenz) | Typ 2 (Substitution) |
|---|---|---|
| PrimĂ€res Bewusstsein | Erhalten, zugĂ€nglich, exekutiv | VollstĂ€ndig unterdrĂŒckt, nicht zugĂ€nglich |
| SekundĂ€res Bewusstsein | Tritt intrusiv auf (EP), kein eigenes SelbstgefĂŒhl | Hat die alleinige, dauerhafte Exekutive |
| Exekutive Kontrolle | Wechselnd oder dominant, aber Koexistenz bleibt | Konstant, kein Wechsel |
| Strukturprinzip | Koexistenz mehrerer ANP/EP | Substitution (ein sekundÀres Bewusstsein ersetzt das primÀre) |
Im Fall Yenifer/Yenny, der im WA-Korpus dokumentiert ist, wurde diese Konfiguration erstmals beschrieben (vgl. WAA-010, WAS-20). Yenifer (primĂ€res Bewusstsein) ist vollstĂ€ndig unterdrĂŒckt; Yenny (sekundĂ€res Bewusstsein) hat die alleinige, dauerhafte exekutive Kontrolle ĂŒbernommen.
### 1.3 Die Relevanz des Themas und offene Forschungsfragen
Die Frage nach der Anwendbarkeit von EMDR bei Typ 2 ist klinisch relevant, da Patientinnen mit dieser Konfiguration aufgrund der hochfunktionalen Fassade des sekundÀren Bewusstseins (Yenny) oft nicht als schwer dissoziativ erkannt werden. Die Forschungslage ist gekennzeichnet durch drei Problemkreise:
Erstens: Fokussierung der EMDR-Literatur auf Typ 1.
Die aktuellen Publikationen, die EMDR mit struktureller Dissoziation verbinden, konzentrieren sich auf Typ 1 (primĂ€re, sekundĂ€re, tertiĂ€re Dissoziation). Exemplarisch sei die Dissertation von Jenny Ann Rydberg (2025) genannt, die eine epistemologische Kritik der Psychotraumatologie durch die Brille von EMDR und struktureller Dissoziation unternimmt. Auch der Vorschlag, EMDR mit dem IFS-Modell zu integrieren (Rothwell-Blake et al., 2025), zielt auf die Koexistenz mehrerer Anteile ab und beschreibt explizit die âco-existence of dissociative and IFS partsâ sowie ein phasenorientiertes Protokoll mit Stabilisierung, Traumaverarbeitung und Reintegration. Die Arbeit von Zimmermann (2025) betont die Kombination von EMDR mit der TSDP fĂŒr schwere TraumafĂ€lle im Kontext der dissoziativen IdentitĂ€tsstörung. Die invertierte Hierarchie des Typ 2 wird in diesen Arbeiten nicht adressiert.
Zweitens: EvidenzlĂŒcke fĂŒr den dissoziativen Subtyp der PTBS.
Metaanalysen zeigen eine heterogene Evidenzlage fĂŒr die Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren beim dissoziativen Subtyp der PTBS (d-PTSD). Eine aktuelle Leitlinie (Schaug et al., 2025, S. 12) kommt zu dem Schluss, dass die Evidenzlage fĂŒr Psychotherapien bei PTBS mit komorbider dissoziativer Störung sehr niedrig ist:
> *âNo statistically significant differences were found among psychotherapies for PTSD with co-occurring dissociation.â*
>
> Deutsche Ăbersetzung:
> *âEs wurden keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Psychotherapien fĂŒr PTBS mit begleitender Dissoziation gefunden.â
Die Autoren ergĂ€nzen (ebd., ebenfalls sinngemĂ€Ă):
> *âDue to the low number of trials identified and the very low certainty of the evidence, the guideline panel provided recommendations that the included treatments should first and foremost be used in a research setting.â*
>
> Deutsche Ăbersetzung:
> *âAufgrund der geringen Anzahl identifizierter Studien und der sehr niedrigen Evidenzsicherheit empfiehlt das Leitliniengremium, die eingeschlossenen Behandlungen vorrangig in einem Forschungskontext einzusetzen.â
Die Ăbertragbarkeit dieser (ohnehin schwachen) Befunde auf Typ 2 ist nicht zulĂ€ssig.
Drittens: Fehlen spezifischer Studien fĂŒr Typ 2.
Die Recherche in elf SprachrĂ€umen (Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch, Italienisch, TĂŒrkisch, Russisch, Japanisch, Koreanisch, Chinesisch) ergibt, dass die Forschung zu EMDR bei struktureller Dissoziation sich ĂŒberwiegend auf Typ 1 (primĂ€re, sekundĂ€re, tertiĂ€re Dissoziation) konzentriert. FĂŒr die invertierte Hierarchie des Typ 2 existieren keine spezifischen EMDR-Studien oder Fallberichte. Diese LĂŒcke wird in der Literatur nicht adressiert.
### 1.4 Zielsetzung und Leitfragen
Dieses Dokument verfolgt folgende Ziele:
1. Begriffliche KlĂ€rung: Systematische Abgrenzung des Typ 2 der strukturellen Dissoziation (invertierte Hierarchie, Substitution) von den Konfigurationen, fĂŒr die EMDR in der Literatur diskutiert wird (Typ 1aâ1c, dissoziativer Subtyp der PTBS).
2. Darstellung der EMDR-Grundlagen: Knappe Darstellung des AIP-Modells, des 8-Phasen-Protokolls und der standardmĂ€Ăigen Anwendung bei PTBS als Referenzrahmen.
3. LiteraturĂŒberblick zu EMDR bei struktureller Dissoziation: Zusammenfassung der aktuellen Forschung zu EMDR bei sekundĂ€rer und tertiĂ€rer struktureller Dissoziation sowie beim dissoziativen Subtyp der PTBS.
4. Analyse der Kontraindikationen bei Typ 2: Untersuchung, warum EMDR in der akuten Phase bei Typ 2 kontraindiziert ist (fehlende ZugÀnglichkeit des primÀren Bewusstseins, Therapieverweigerung des sekundÀren Bewusstseins, fixe Idee A12).
5. Spekulative Perspektive nach Phase 0: Diskussion der hypothetischen Möglichkeit, EMDR nach erfolgreicher Leuchtturm-Phase 0 (Heilungsphasen H5âH7 gemÀà WAT-040) einzusetzen, einschlieĂlich der erforderlichen Modifikationen.
Leitfragen des Dokuments:
- Kann EMDR bei Typ 2 der strukturellen Dissoziation eingesetzt werden â und wenn ja, unter welchen Bedingungen?
- Welche Modifikationen des EMDR-Protokolls sind bei komplexen dissoziativen Störungen (Typ 1) etabliert, und warum sind diese bei Typ 2 nicht anwendbar?
- Ist die Leuchtturm-Phase 0 (WAT-030, WAT-040) eine zwingende Voraussetzung, bevor EMDR bei Typ 2 ĂŒberhaupt denkbar wird?
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Physischer Band: WB_14D â Therapie â Methoden, Verfahren und Strategien
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