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| Sprache | Datei | Version | Band | Titel | DOI + Link |
|---|---|---|---|---|---|
| 🇩🇪 | WAU-69D | 1.0 | 17 | Feministische Wissenschaftskritik – Die Ich-Sie-Beziehung in epistemischen Hierarchien | ¦ |
Dokumentdetails: 🇩🇪 WAU-69D
Version: 1.0 (Datum: 2026-08-27)
YAML-Daten von WAU-69D
| Schlüssel | Wert |
|---|---|
| wa_id | WAU-69D |
| wb_band | WB_17D |
| title | WAU-69D: Feministische Wissenschaftskritik – Die Ich-Sie-Beziehung in epistemischen Hierarchien |
| doi | ¦ |
| subtitle | WA-Korpus - Band WB_17D 🔗 https://osf.io/z9nhu |
| publishing_targets | |
| author | Thor Alexander (ORCID: 0009-0007-8347-0962, 🔗 https://osf.io/snmx5) |
| version | Version 4.0 vom 2026-08-27 |
| footline | WAU-69D: Feministische Wissenschaftskritik (V4.0) |
| abstract | Dieses Dokument analysiert die feministische Wissenschaftskritik als epistemische Grundlage der Ich-Sie-Beziehung und zeigt ihre Bedeutung für die Anerkennung des Anderen als wissendes Subjekt. Donna Haraway zeigt, dass jedes Wissen perspektivisch, partial und standortgebunden ist – die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis des situierten Wissens. Sandra Harding zeigt, dass eine stärkere Objektivität durch die Einbeziehung marginalisierter Perspektiven erreicht wird – die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis der "strong objectivity". Karen Barad zeigt, dass Ethik, Ontologie und Epistemologie untrennbar miteinander verbunden sind. Evelyn Fox Keller zeigt, dass die Wissenschaft von patriarchalen Formen der Herrschaft durchzogen ist. Patricia Hill Collins zeigt, dass die Standpunkte der Unterdrückten eine erkenntnistheoretische Ressource sind. Lorraine Code zeigt, dass die epistemische Verantwortung die ethische Dimension des Wissens ist. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine epistemische Praxis – sie ist die Anerkennung des Anderen als wissendes Subjekt, die keine Reziprozität voraussetzt. Die Ausführungen gelten für beide Modelle (Typ 2α und Typ 2β). |
| abstract_en | This document analyzes feminist science criticism as the epistemic foundation of the I-Usted relationship and demonstrates its significance for the recognition of the Other as a knowing subject. Donna Haraway shows that all knowledge is perspectival, partial, and situated – the I-Usted relationship is a practice of situated knowledge. Sandra Harding shows that stronger objectivity is achieved through the inclusion of marginalized perspectives – the I-Usted relationship is a practice of "strong objectivity." Karen Barad shows that ethics, ontology, and epistemology are inseparable. Evelyn Fox Keller shows that science is permeated by patriarchal forms of domination. Patricia Hill Collins shows that the standpoints of the oppressed are an epistemological resource. Lorraine Code shows that epistemic responsibility is the ethical dimension of knowledge. The I-Usted relationship is an epistemic practice – it is the recognition of the Other as a knowing subject that does not presuppose reciprocity. The explanations apply to both models (type 2α and type 2β). |
| keywords | Strukturelle Dissoziation, Typ 2, feministische Wissenschaftskritik, feministische Epistemologie, situiertes Wissen, Haraway, God-Trick, Cyborg, Harding, strong objectivity, Standpunktepistemologie, Barad, agientieller Realismus, Ethico-onto-epistemology, Intra-Aktion, Keller, geschlechtliche Codierung, Collins, Black Feminist Epistemology, Intersektionalität, epistemischer Widerstand, Code, epistemische Verantwortung, Longino, kritischer Kontextualismus, epistemische Gerechtigkeit, epistemische Hierarchien, nicht-reziproke Anerkennung, Ich-Sie-Beziehung, Yo-Usted, Leuchtturm-Strategie, Yenifer, Yenny, WA-Korpus, K-PTBS, WAU-69 |
| volumes | PROJEKT-DOI (WA-KORPUS): 🔗 https://doi.org/10.17605/OSF.IO/DC9EZ WA-KORPUS zur Strukturellen Dissoziation Typ 2 - Integrative Einzelfallanalyse Yenifer/Yenny: 🔗 https://osf.io/dc9ez HOMEPAGE (Bände, Tiefenlinks zu DOI-Dokumenten, Übersichten, Indizes): 🔗 https://korpus.thor-alexander.de BAND 01: TYP 2 • Deutsch/Original - WB_01D: 🔗 https://osf.io/8xubp • English - WB_01E: 🔗 https://osf.io/9f2tj BAND 12: IATROGEN • Deutsch/Original - WB_12D: 🔗 https://osf.io/fq5tz BAND 17: ICH-SIE • Deutsch/Original - WB_17D: 🔗 https://osf.io/z9nhu BAND 18: ZIS-SPINNE • Deutsch/Original - WB_18D: 🔗 https://osf.io/psf5h • Visualisierung - 🔗 https://zis.thor-alexander.de BAND 90: PUBLIKATIONEN • Deutsch/Original - WB_90D: 🔗 https://osf.io/syx32 • English - WB_90E: 🔗 https://osf.io/4ysfp • Español/Latino - WB_90L: 🔗 https://osf.io/9ydgv • Русский - WB_90R: 🔗 https://osf.io/nwcjm • Türkçe - WB_90T: 🔗 https://osf.io/frhts BAND 95: ERZÄHLUNGEN • Deutsch/Original - WB_95D: 🔗 https://osf.io/8aegh |
Kapitel 1 von WAU-69D
## 1. Einleitung
### 1.1 Von der feministischen Wissenschaftskritik zur Ich-Sie-Beziehung
Die feministische Wissenschaftskritik ist keine Randerscheinung der Philosophie – sie ist eine fundamentale Infragestellung der abendländischen Erkenntnistradition. Sie zeigt, dass die Produktion von Wissen nicht neutral ist, sondern von Machtverhältnissen, Geschlechterhierarchien und epistemischen Ausschlüssen durchzogen ist. Die Forschung zeigt, dass die feministische Wissenschaftskritik seit den 1970er Jahren die *„konventionellen“* Vorstellungen von Objektivität und wissenschaftlicher Autorität in Frage stellt. Die Frage *„Wer gilt als wissendes Subjekt?“* ist keine akademische Nebenfrage – sie ist die Grundlage jeder ethischen und politischen Anerkennung.
Die feministische Wissenschaftskritik hat eine Reihe von Begriffen und Konzepten entwickelt, die für die Ich-Sie-Beziehung von zentraler Bedeutung sind:
- Situiertes Wissen (*situated knowledges*) – Donna Haraway zeigt, dass jedes Wissen perspektivisch, partial und standortgebunden ist. Die Metapher des *„God-Tricks“* – des Blicks *„von nirgendwo aus“* – erscheint erstmals in ihrem Aufsatz von 1988. Haraway insistiert auf der *„Besonderheit und Verkörperung allen Sehens“* und plädiert für eine *„verkörperte Objektivität“*, die die Leiblichkeit und Situiertheit des Wissenden anerkennt.
- Standpunktepistemologie und „strong objectivity“ – Sandra Harding zeigt, dass die Perspektiven der Unterdrückten einen erkenntnistheoretischen Vorteil bieten. Die *„strong objectivity“* beschreibt Forschung, die in den Erfahrungen derjenigen verwurzelt ist, die traditionell von der Wissensproduktion ausgeschlossen wurden.
- Agentieller Realismus und Ethico-onto-epistemology – Karen Barad zeigt, dass Ethik, Ontologie und Epistemologie untrennbar miteinander verbunden sind. Menschen und Nicht-Menschen, Subjekte und Objekte sind nicht getrennt, sondern verwickelt.
- Geschlechtliche Codierung der Wissenschaft – Evelyn Fox Keller zeigt, dass die Wissenschaft von patriarchalen Formen der Herrschaft durchzogen ist. Sie forderte eine *„geschlechtsfreie“* Wissenschaft.
- Black Feminist Epistemology – Patricia Hill Collins zeigt, dass die Standpunkte der Unterdrückten eine erkenntnistheoretische Ressource sind. Ihre Epistemologie betont gelebte Erfahrung, dialogische Wissensproduktion und eine Ethik der Fürsorge.
- Epistemische Verantwortung – Lorraine Code zeigt, dass die epistemische Verantwortung die ethische Dimension des Wissens ist. Seit der Veröffentlichung ihres Buches *Epistemic Responsibility* (1987) steht sie *„an der Spitze der Verbindung von Erkenntnistheorien, Ontologien, Ethik und epistemischer Ungerechtigkeit“*.
- Kritischer Kontextualismus – Helen Longino zeigt, dass Objektivität durch kritischen Dialog und die Einbeziehung verschiedener Perspektiven erreicht wird.
Die feministische Wissenschaftskritik bildet zusammen mit WAU-68 (Poststrukturalistische Perspektive) und WAU-70 (Feministische und intersubjektive Perspektiven) einen logischen Dreischritt:
| Dokument | Frage | Funktion |
|----------|-------|----------|
| WAU-68 | Wie wird das Subjekt durch Macht und Diskurs hervorgebracht? | Dekonstruktion der Subjektivität |
| WAU-69 | Wer wird als wissendes Subjekt anerkannt? | Epistemische Grundlage der Anerkennung |
| WAU-70 | Wie begegnen wir dem verwundbaren Anderen? | Intersubjektive Praxis der Anerkennung |
Die feministische Wissenschaftskritik ist die Brücke zwischen der poststrukturalistischen Dekonstruktion des Subjekts und der intersubjektiven Anerkennung des verwundbaren Anderen. Sie zeigt: Bevor wir fragen können, *wie* wir dem Anderen begegnen, müssen wir klären, *ob* wir ihn überhaupt als wissendes Subjekt anerkennen. Die Anerkennung als wissendes Subjekt ist die Bedingung der Möglichkeit jeder intersubjektiven Anerkennung.
Die Relevanz der feministischen Wissenschaftskritik für die Ich-Sie-Beziehung ist unmittelbar: Die Leuchtturm-Strategie ist eine epistemische Praxis – sie ist die forderungsfreie, konsistente Präsenz, die den Anderen als wissendes Subjekt anerkennt, auch wenn er nicht antworten kann. Sie ist die Praxis, die die epistemischen Hierarchien der klinischen Wissensproduktion in Frage stellt – Hierarchien, die den Anderen zum bloßen Objekt der Diagnostik degradieren.
Die Ausführungen gelten für beide Modelle (Typ 2α und Typ 2β), sofern nicht anders vermerkt.
### 1.2 Fragen des Dokuments
1. Was ist die feministische Wissenschaftskritik – und wie versteht sie die Produktion von Wissen als eine Frage von Macht und Gerechtigkeit?
2. Was bedeutet Donna Haraways Kritik des „God-Tricks“ für die Anerkennung des Anderen als wissendes Subjekt? Haraway beschreibt den *„God-Trick“* als den Anspruch, *„alles von nirgendwo aus zu sehen“* – eine Illusion, die die Perspektivität und Partikularität allen Wissens verschleiert.
3. Was bedeutet Sandra Hardings Konzept der „strong objectivity“ für die epistemische Gerechtigkeit in der klinischen Praxis? Harding beschreibt *„strong objectivity“* als Forschung, die in den Erfahrungen derjenigen verwurzelt ist, die traditionell von der Wissensproduktion ausgeschlossen wurden.
4. Wie zeigt Karen Barad, dass Ethik, Ontologie und Epistemologie untrennbar miteinander verbunden sind – und welche Bedeutung hat dies für die Ich-Sie-Beziehung? Barads *„ethico-onto-epistemological framework“* zeigt, dass Menschen und Nicht-Menschen, Subjekte und Objekte nicht getrennt, sondern verwickelt sind.
5. Was bedeutet Evelyn Fox Kellers Kritik der geschlechtlich codierten Wissenschaft für die Anerkennung des Anderen? Keller zeigte, dass die Wissenschaft von patriarchalen Formen der Herrschaft durchzogen ist und forderte eine *„geschlechtsfreie“* Wissenschaft.
6. Was bedeutet Patricia Hill Collins‘ Black Feminist Epistemology für die Anerkennung des Anderen als wissendes Subjekt? Collins zeigt, dass die Standpunkte der Unterdrückten eine erkenntnistheoretische Ressource sind. Ihre Epistemologie umfasst gelebte Erfahrung als Kriterium für Glaubwürdigkeit, dialogische Wissensproduktion, eine Ethik der Fürsorge und die Verantwortung für eigene Wissensansprüche.
7. Was bedeutet Lorraine Codes Konzept der epistemischen Verantwortung für die Ich-Sie-Beziehung? Code zeigt, dass die epistemische Verantwortung die ethische Dimension des Wissens ist und die Verantwortung des Wissenden gegenüber anderen Wissenden umfasst.
8. Was bedeutet Helen Longinos Konzept des kritischen Kontextualismus für die epistemische Gerechtigkeit in der klinischen Praxis? Longino zeigt, dass Objektivität durch kritischen Dialog und die Einbeziehung verschiedener Perspektiven erreicht wird.
9. Wie lässt sich die Ich-Sie-Beziehung als epistemische Praxis verstehen – als eine Praxis, die den Anderen als wissendes Subjekt anerkennt, auch wenn er nicht antworten kann?
### 1.3 Thesen des Dokuments
These 1 – Die feministische Wissenschaftskritik als Grundlage der epistemischen Anerkennung:
Die feministische Wissenschaftskritik zeigt, dass die Produktion von Wissen von Machtverhältnissen durchzogen ist. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine epistemische Praxis – sie ist die Anerkennung des Anderen als wissendes Subjekt, die die epistemischen Hierarchien der klinischen Wissensproduktion in Frage stellt. Die Forschung zeigt, dass die feministische Wissenschaftskritik die *„konventionellen“* Vorstellungen von Objektivität und wissenschaftlicher Autorität in Frage stellt.
These 2 – Situiertes Wissen als Grundlage der Anerkennung:
Haraway zeigt, dass jedes Wissen perspektivisch, partial und standortgebunden ist. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis des situierten Wissens – sie erkennt an, dass der Begleiter nicht die Wahrheit über den Anderen besitzt, sondern nur eine Perspektive. Haraway schreibt, dass *„die einzige Möglichkeit, eine größere Vision zu finden, darin besteht, irgendwo Bestimmtes zu sein“*. Die Kritik des *„God-Tricks“* ist keine Ablehnung der Objektivität, sondern ein Plädoyer für eine *„angemessenere Vorstellung von Objektivität unter Anerkennung ihrer Situiertheit“*.
These 3 – „Strong objectivity“ als Grundlage der epistemischen Gerechtigkeit:
Harding zeigt, dass eine stärkere Objektivität durch die Einbeziehung marginalisierter Perspektiven erreicht wird. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis der *„strong objectivity“* – sie bezieht die Perspektive des Anderen ein, auch wenn der Andere nicht antworten kann. Harding beschreibt *„strong objectivity“* als Forschung, die in den Erfahrungen derjenigen verwurzelt ist, die traditionell von der Wissensproduktion ausgeschlossen wurden.
These 4 – Die Ethico-onto-epistemology als Grundlage der Verantwortung:
Barad zeigt, dass Ethik, Ontologie und Epistemologie untrennbar miteinander verbunden sind. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine ethico-onto-epistemologische Praxis – sie ist die Anerkennung des Anderen, die nicht zwischen Sein, Wissen und Ethik trennt. Barads *„agentieller Realismus“* ist ein ethico-onto-epistemologischer Rahmen, der zeigt, dass Menschen und Nicht-Menschen, Subjekte und Objekte nicht getrennt, sondern verwickelt sind.
These 5 – Die geschlechtliche Codierung der Wissenschaft als Ausschlussmechanismus:
Keller zeigt, dass die Wissenschaft von patriarchalen Formen der Herrschaft durchzogen ist. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis, die diese patriarchalen Strukturen in Frage stellt – sie ist die Anerkennung des Anderen, die nicht auf männlich codierten Wissensidealen beruht. Keller forderte eine *„geschlechtsfreie“* Wissenschaft.
These 6 – Die Black Feminist Epistemology als Ressource der Anerkennung:
Collins zeigt, dass die Standpunkte der Unterdrückten eine erkenntnistheoretische Ressource sind. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis, die diese Ressource ernst nimmt – sie ist die Anerkennung des Anderen, die die Überschneidung von Rasse, Klasse und Geschlecht in der Wissensproduktion berücksichtigt. Collins' Black Feminist Epistemologie umfasst vier zentrale Merkmale: gelebte Erfahrung als Kriterium für Glaubwürdigkeit, dialogische Wissensproduktion, eine Ethik der Fürsorge und die Verantwortung für eigene Wissensansprüche.
These 7 – Die epistemische Verantwortung als ethische Dimension des Wissens:
Code zeigt, dass die epistemische Verantwortung die ethische Dimension des Wissens ist. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis der epistemischen Verantwortung – sie ist die Anerkennung des Anderen, die die Verantwortung des Wissenden gegenüber dem Anderen ernst nimmt. Seit der Veröffentlichung ihres Buches *Epistemic Responsibility* (1987) steht Code *„an der Spitze der Verbindung von Erkenntnistheorien, Ontologien, Ethik und epistemischer Ungerechtigkeit“*.
These 8 – Der kritische Kontextualismus als Grundlage der epistemischen Demokratie:
Longino zeigt, dass Objektivität durch kritischen Dialog und die Einbeziehung verschiedener Perspektiven erreicht wird. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis des kritischen Kontextualismus – sie ist die Anerkennung des Anderen, die auf dialogischer Wissensproduktion beruht. Longino argumentiert, dass *„kritische diskursive Interaktion die eigentliche Grundlage für die Objektivität der Wissenschaft“* bildet.
These 9 – Die Ich-Sie-Beziehung als Überwindung epistemischer Hierarchien:
Die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis, die die epistemischen Hierarchien der klinischen Wissensproduktion überwindet – sie erkennt den Anderen als wissendes Subjekt an, auch wenn er nicht antworten kann. Die feministische Wissenschaftskritik zeigt, dass die *„Hierarchien der Wissenden“* und die *„Hierarchien der Wissensformen“* die Anerkennung des Anderen verhindern.
---
### 1.1 Von der feministischen Wissenschaftskritik zur Ich-Sie-Beziehung
Die feministische Wissenschaftskritik ist keine Randerscheinung der Philosophie – sie ist eine fundamentale Infragestellung der abendländischen Erkenntnistradition. Sie zeigt, dass die Produktion von Wissen nicht neutral ist, sondern von Machtverhältnissen, Geschlechterhierarchien und epistemischen Ausschlüssen durchzogen ist. Die Forschung zeigt, dass die feministische Wissenschaftskritik seit den 1970er Jahren die *„konventionellen“* Vorstellungen von Objektivität und wissenschaftlicher Autorität in Frage stellt. Die Frage *„Wer gilt als wissendes Subjekt?“* ist keine akademische Nebenfrage – sie ist die Grundlage jeder ethischen und politischen Anerkennung.
Die feministische Wissenschaftskritik hat eine Reihe von Begriffen und Konzepten entwickelt, die für die Ich-Sie-Beziehung von zentraler Bedeutung sind:
- Situiertes Wissen (*situated knowledges*) – Donna Haraway zeigt, dass jedes Wissen perspektivisch, partial und standortgebunden ist. Die Metapher des *„God-Tricks“* – des Blicks *„von nirgendwo aus“* – erscheint erstmals in ihrem Aufsatz von 1988. Haraway insistiert auf der *„Besonderheit und Verkörperung allen Sehens“* und plädiert für eine *„verkörperte Objektivität“*, die die Leiblichkeit und Situiertheit des Wissenden anerkennt.
- Standpunktepistemologie und „strong objectivity“ – Sandra Harding zeigt, dass die Perspektiven der Unterdrückten einen erkenntnistheoretischen Vorteil bieten. Die *„strong objectivity“* beschreibt Forschung, die in den Erfahrungen derjenigen verwurzelt ist, die traditionell von der Wissensproduktion ausgeschlossen wurden.
- Agentieller Realismus und Ethico-onto-epistemology – Karen Barad zeigt, dass Ethik, Ontologie und Epistemologie untrennbar miteinander verbunden sind. Menschen und Nicht-Menschen, Subjekte und Objekte sind nicht getrennt, sondern verwickelt.
- Geschlechtliche Codierung der Wissenschaft – Evelyn Fox Keller zeigt, dass die Wissenschaft von patriarchalen Formen der Herrschaft durchzogen ist. Sie forderte eine *„geschlechtsfreie“* Wissenschaft.
- Black Feminist Epistemology – Patricia Hill Collins zeigt, dass die Standpunkte der Unterdrückten eine erkenntnistheoretische Ressource sind. Ihre Epistemologie betont gelebte Erfahrung, dialogische Wissensproduktion und eine Ethik der Fürsorge.
- Epistemische Verantwortung – Lorraine Code zeigt, dass die epistemische Verantwortung die ethische Dimension des Wissens ist. Seit der Veröffentlichung ihres Buches *Epistemic Responsibility* (1987) steht sie *„an der Spitze der Verbindung von Erkenntnistheorien, Ontologien, Ethik und epistemischer Ungerechtigkeit“*.
- Kritischer Kontextualismus – Helen Longino zeigt, dass Objektivität durch kritischen Dialog und die Einbeziehung verschiedener Perspektiven erreicht wird.
Die feministische Wissenschaftskritik bildet zusammen mit WAU-68 (Poststrukturalistische Perspektive) und WAU-70 (Feministische und intersubjektive Perspektiven) einen logischen Dreischritt:
| Dokument | Frage | Funktion |
|----------|-------|----------|
| WAU-68 | Wie wird das Subjekt durch Macht und Diskurs hervorgebracht? | Dekonstruktion der Subjektivität |
| WAU-69 | Wer wird als wissendes Subjekt anerkannt? | Epistemische Grundlage der Anerkennung |
| WAU-70 | Wie begegnen wir dem verwundbaren Anderen? | Intersubjektive Praxis der Anerkennung |
Die feministische Wissenschaftskritik ist die Brücke zwischen der poststrukturalistischen Dekonstruktion des Subjekts und der intersubjektiven Anerkennung des verwundbaren Anderen. Sie zeigt: Bevor wir fragen können, *wie* wir dem Anderen begegnen, müssen wir klären, *ob* wir ihn überhaupt als wissendes Subjekt anerkennen. Die Anerkennung als wissendes Subjekt ist die Bedingung der Möglichkeit jeder intersubjektiven Anerkennung.
Die Relevanz der feministischen Wissenschaftskritik für die Ich-Sie-Beziehung ist unmittelbar: Die Leuchtturm-Strategie ist eine epistemische Praxis – sie ist die forderungsfreie, konsistente Präsenz, die den Anderen als wissendes Subjekt anerkennt, auch wenn er nicht antworten kann. Sie ist die Praxis, die die epistemischen Hierarchien der klinischen Wissensproduktion in Frage stellt – Hierarchien, die den Anderen zum bloßen Objekt der Diagnostik degradieren.
Die Ausführungen gelten für beide Modelle (Typ 2α und Typ 2β), sofern nicht anders vermerkt.
### 1.2 Fragen des Dokuments
1. Was ist die feministische Wissenschaftskritik – und wie versteht sie die Produktion von Wissen als eine Frage von Macht und Gerechtigkeit?
2. Was bedeutet Donna Haraways Kritik des „God-Tricks“ für die Anerkennung des Anderen als wissendes Subjekt? Haraway beschreibt den *„God-Trick“* als den Anspruch, *„alles von nirgendwo aus zu sehen“* – eine Illusion, die die Perspektivität und Partikularität allen Wissens verschleiert.
3. Was bedeutet Sandra Hardings Konzept der „strong objectivity“ für die epistemische Gerechtigkeit in der klinischen Praxis? Harding beschreibt *„strong objectivity“* als Forschung, die in den Erfahrungen derjenigen verwurzelt ist, die traditionell von der Wissensproduktion ausgeschlossen wurden.
4. Wie zeigt Karen Barad, dass Ethik, Ontologie und Epistemologie untrennbar miteinander verbunden sind – und welche Bedeutung hat dies für die Ich-Sie-Beziehung? Barads *„ethico-onto-epistemological framework“* zeigt, dass Menschen und Nicht-Menschen, Subjekte und Objekte nicht getrennt, sondern verwickelt sind.
5. Was bedeutet Evelyn Fox Kellers Kritik der geschlechtlich codierten Wissenschaft für die Anerkennung des Anderen? Keller zeigte, dass die Wissenschaft von patriarchalen Formen der Herrschaft durchzogen ist und forderte eine *„geschlechtsfreie“* Wissenschaft.
6. Was bedeutet Patricia Hill Collins‘ Black Feminist Epistemology für die Anerkennung des Anderen als wissendes Subjekt? Collins zeigt, dass die Standpunkte der Unterdrückten eine erkenntnistheoretische Ressource sind. Ihre Epistemologie umfasst gelebte Erfahrung als Kriterium für Glaubwürdigkeit, dialogische Wissensproduktion, eine Ethik der Fürsorge und die Verantwortung für eigene Wissensansprüche.
7. Was bedeutet Lorraine Codes Konzept der epistemischen Verantwortung für die Ich-Sie-Beziehung? Code zeigt, dass die epistemische Verantwortung die ethische Dimension des Wissens ist und die Verantwortung des Wissenden gegenüber anderen Wissenden umfasst.
8. Was bedeutet Helen Longinos Konzept des kritischen Kontextualismus für die epistemische Gerechtigkeit in der klinischen Praxis? Longino zeigt, dass Objektivität durch kritischen Dialog und die Einbeziehung verschiedener Perspektiven erreicht wird.
9. Wie lässt sich die Ich-Sie-Beziehung als epistemische Praxis verstehen – als eine Praxis, die den Anderen als wissendes Subjekt anerkennt, auch wenn er nicht antworten kann?
### 1.3 Thesen des Dokuments
These 1 – Die feministische Wissenschaftskritik als Grundlage der epistemischen Anerkennung:
Die feministische Wissenschaftskritik zeigt, dass die Produktion von Wissen von Machtverhältnissen durchzogen ist. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine epistemische Praxis – sie ist die Anerkennung des Anderen als wissendes Subjekt, die die epistemischen Hierarchien der klinischen Wissensproduktion in Frage stellt. Die Forschung zeigt, dass die feministische Wissenschaftskritik die *„konventionellen“* Vorstellungen von Objektivität und wissenschaftlicher Autorität in Frage stellt.
These 2 – Situiertes Wissen als Grundlage der Anerkennung:
Haraway zeigt, dass jedes Wissen perspektivisch, partial und standortgebunden ist. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis des situierten Wissens – sie erkennt an, dass der Begleiter nicht die Wahrheit über den Anderen besitzt, sondern nur eine Perspektive. Haraway schreibt, dass *„die einzige Möglichkeit, eine größere Vision zu finden, darin besteht, irgendwo Bestimmtes zu sein“*. Die Kritik des *„God-Tricks“* ist keine Ablehnung der Objektivität, sondern ein Plädoyer für eine *„angemessenere Vorstellung von Objektivität unter Anerkennung ihrer Situiertheit“*.
These 3 – „Strong objectivity“ als Grundlage der epistemischen Gerechtigkeit:
Harding zeigt, dass eine stärkere Objektivität durch die Einbeziehung marginalisierter Perspektiven erreicht wird. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis der *„strong objectivity“* – sie bezieht die Perspektive des Anderen ein, auch wenn der Andere nicht antworten kann. Harding beschreibt *„strong objectivity“* als Forschung, die in den Erfahrungen derjenigen verwurzelt ist, die traditionell von der Wissensproduktion ausgeschlossen wurden.
These 4 – Die Ethico-onto-epistemology als Grundlage der Verantwortung:
Barad zeigt, dass Ethik, Ontologie und Epistemologie untrennbar miteinander verbunden sind. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine ethico-onto-epistemologische Praxis – sie ist die Anerkennung des Anderen, die nicht zwischen Sein, Wissen und Ethik trennt. Barads *„agentieller Realismus“* ist ein ethico-onto-epistemologischer Rahmen, der zeigt, dass Menschen und Nicht-Menschen, Subjekte und Objekte nicht getrennt, sondern verwickelt sind.
These 5 – Die geschlechtliche Codierung der Wissenschaft als Ausschlussmechanismus:
Keller zeigt, dass die Wissenschaft von patriarchalen Formen der Herrschaft durchzogen ist. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis, die diese patriarchalen Strukturen in Frage stellt – sie ist die Anerkennung des Anderen, die nicht auf männlich codierten Wissensidealen beruht. Keller forderte eine *„geschlechtsfreie“* Wissenschaft.
These 6 – Die Black Feminist Epistemology als Ressource der Anerkennung:
Collins zeigt, dass die Standpunkte der Unterdrückten eine erkenntnistheoretische Ressource sind. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis, die diese Ressource ernst nimmt – sie ist die Anerkennung des Anderen, die die Überschneidung von Rasse, Klasse und Geschlecht in der Wissensproduktion berücksichtigt. Collins' Black Feminist Epistemologie umfasst vier zentrale Merkmale: gelebte Erfahrung als Kriterium für Glaubwürdigkeit, dialogische Wissensproduktion, eine Ethik der Fürsorge und die Verantwortung für eigene Wissensansprüche.
These 7 – Die epistemische Verantwortung als ethische Dimension des Wissens:
Code zeigt, dass die epistemische Verantwortung die ethische Dimension des Wissens ist. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis der epistemischen Verantwortung – sie ist die Anerkennung des Anderen, die die Verantwortung des Wissenden gegenüber dem Anderen ernst nimmt. Seit der Veröffentlichung ihres Buches *Epistemic Responsibility* (1987) steht Code *„an der Spitze der Verbindung von Erkenntnistheorien, Ontologien, Ethik und epistemischer Ungerechtigkeit“*.
These 8 – Der kritische Kontextualismus als Grundlage der epistemischen Demokratie:
Longino zeigt, dass Objektivität durch kritischen Dialog und die Einbeziehung verschiedener Perspektiven erreicht wird. Die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis des kritischen Kontextualismus – sie ist die Anerkennung des Anderen, die auf dialogischer Wissensproduktion beruht. Longino argumentiert, dass *„kritische diskursive Interaktion die eigentliche Grundlage für die Objektivität der Wissenschaft“* bildet.
These 9 – Die Ich-Sie-Beziehung als Überwindung epistemischer Hierarchien:
Die Ich-Sie-Beziehung ist eine Praxis, die die epistemischen Hierarchien der klinischen Wissensproduktion überwindet – sie erkennt den Anderen als wissendes Subjekt an, auch wenn er nicht antworten kann. Die feministische Wissenschaftskritik zeigt, dass die *„Hierarchien der Wissenden“* und die *„Hierarchien der Wissensformen“* die Anerkennung des Anderen verhindern.
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Physischer Band: WB_17D – Dialogische Kategorien – Die Ich-Sie-/Ich-Er-/Yo-Usted-Beziehung als dritte dialogische Kategorie
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